Was der OPCW-Zwischenbericht über Douma (nicht) sagt 1


Der Zwischenbericht der OPCW

Schon in meinem letzten Blogbeitrag habe ich mich relativ ausführlich mit dem mutmaßlichen Giftgaseinsatz in Douma auseinandergesetzt. Dort hatte ich begründet, warum ich es für sehr wahrscheinlich halte, dass dieser Angriff tatsächlich stattgefunden hat.

Seit einigen Wochen wird dieser Vorfall nun bereits von der OPCW, der Organisation für das Verbot chemischer Waffen, untersucht. Ein von ihr entsandtes Team war in der Zwischenzeit vor Ort, hat in Douma eine ganze Reihe von Proben genommen und mit einer Vielzahl von Zeugen beider Seiten gesprochen. Vor gut einer Woche, am 5. Juli 2018, hat sie nun einen Zwischenbericht mit ihren bisherigen Untersuchungsergebnissen veröffentlicht. Darin heißt es einerseits bezüglich des Verdachts des Einsatzes eines Nervengases wie Sarin oder ähnlicher Substanzen:

No organophosphorus nerve agents or their degradation products were detected, either in the environmental samples or in plasma samples from the alleged casualties.

[Eigene Übersetzung: Es wurden keine phosphororganischen Nervengase oder deren Abbauprodukte nachgewiesen, weder in den der Umgebung entnommenen Proben noch in den Proben des Plasmas der mutmaßlichen Opfer.]

Doch dann fährt der Bericht bezüglich des Verdachts eines Einsatzes von Chlorgas fort:

Various chlorinated organic chemicals were found in samples from Locations 2 and 4, along with residues of explosive.

[Eigene Übersetzung: Verschiedene chlorierte Chemikalien wurden in den Proben der Orte 2 und 4 gefunden, zusammen mit Rückständen von Sprengstoff.]

Inhalt der Kontroverse

Seitdem wird heftig darüber gestritten, was diese Aussagen eigentlich bedeuten. Die großen westlichen Nachrichtenagenturen und in ihrem Gespann auch zahlreiche einflussreiche Medien berichteten unter Bezugnahme auf diesen Bericht, in Douma habe man Spuren von Chlorgas gefunden, wie z.B. die Tagesschau, Heute, der Spiegel oder der Deutschlandfunk.

Auf der anderen Seite stehen eine Reihe sogenannter alternativer Medien, die gegenhalten, dass mit diesem Bericht dem westlichen Narrativ deutlich widersprochen werde. RT-Deutsch behauptet: „OPCW widerspricht westlichen Regierungen – Mainstreammedien verbreiten Fake News“, in den Nachdenkseiten schreibt Tobias Riegel von einer „in vielen Medien gepflegten Kultur der vorsätzlichen Ungenauigkeit“, bei Telepolis meint Thomas Pany „OPCW-Bericht bestätigt Zweifel an Giftgasangriff in Ostghouta“ und im Rubikon meint Karin Leukefeld unter der Überschrift „Die Chemiewaffen-Manipulation“: „Die Medien erklären Syrien den Krieg“.

Eines Vorweg: Auch ich schrieb vor ein paar Tagen in einem Nachtrag zu meinem letzten Blogeintrag bezüglich des OPCW-Zwischenberichts, darin werde festgestellt, „dass an zwei Stellen in Douma Rückstände von Chlorgas gefunden wurden.“ Diese Darstellung, so muss ich leider hiermit einräumen, war falsch, denn, wie oben wiedergegeben, spricht der Bericht ‚lediglich‘ davon, dass, zusammen mit Rückständen von Sprengstoff, „verschiedene chlorierte Chemikalien“ gefunden wurden. Für mich ist das eine Lehre, bei solchen Behauptungen künftig jede Aussage lieber einmal zu viel als zu wenig gegen zu checken, denn all zu gern lesen oder hören wir nur das, was ohnehin in unser Weltbild passt und verdrängen, was ihm widerspricht.

Trotzdem halte ich es nach wie vor für sehr wahrscheinlich, dass dieser mutmaßliche Giftgasangriff tatsächlich stattgefunden hat. Da ich nicht alle der oben genannten ‚alternativen‘ MedienvertreterInnen beschuldigen möchte, bewußt die Unwahrheit zu sagen, kann ich es mir auch nur auf Grund dieses Effektes erklären, dass so viele von ihnen in ihren Beiträgen zu ganz anderen Schlussfolgerungen kommen, als ich es hier tue.

Die Darstellung in den sog. alternativen Medien

Das beginnt bereits damit, wie man die oben zitierten Sätze übersetzt. So übersetzt zum Beispiel Thomas Pany in seinem Telepolis-Beitrag in dem Satz zu Nervengas ‚alleged casualties‘ mit ‚angeblichen Opfern‘. Auch bei Karin Leukefeld im Rubikon findet sich diese Übersetzung. Das ist zwar nicht ganz falsch, denn ‚angeblich‘ kann durchaus auch als Synonym für ‚mutmaßlich‘ im Sinne von ‚(noch) nicht bewiesen‘ interpretiert werden, wie zum Beispiel Openthesaurus ausweist. Im Kontext der Argumentation der beiden Autoren liegt aber eher eine Interpretation nahe, die auf die zweite Bedeutung dieses Wortes abhebt, nämlich ‚falsch‘ im Sinne von ‚auf einem Fehler‘ oder ‚auf einer Täuschung beruhend‘. Das englische ‚alleged‘ im OPCW-Bericht kommt hingegen von dem Verb ‚allege‘ ‚behaupten‘, ist also in diesem Sinne strikt neutral, ob es nun nur vorgetäuschte oder tatsächliche Opfer sind.

Erstaunlich auch, wie schnell alle Autoren aus dem Tatbestand, dass keine Rückstände von Nervengas gefunden wurden, zu der Aussage kommen, dass damit bewiesen wäre, dass der Einsatz derartiger Kampfstoffe ausgeschlossen wäre. So schreibt Tobias Riegel in seinem Beitrag auf den Nachdenkseiten zum Beispiel:

Der OPCW-Bericht erwähnt, nachdem er Nervengifte wie Sarin ausgeschlossen hat, das Vorkommen von „chlorierten organischen Chemikalien“ (‚chlorinated organic chemicals’).

Das ist aber mindestens genauso falsch wie die Behauptung, es wären Rückstände von Chlorgas gefunden worden. Denn die OPCW hat nur erklärt, dass sie keine diesbezüglichen Rückstände gefunden hat. Ausgeschlossen hat sie damit freilich nichts.

Alle Autoren betonen, dass die von der OPCW gefundenen Chlorverbindungen auch andere Ursprünge haben können. So schreibt RT deutsch zum Beispiel:

Chlorkohlenwasserstoffe werden beispielsweise bei der Herstellung von Kunstoffen oder als Flammschutzmittel für Textilien oder Möbel verwendet. Sie befinden sich auch im Trinkwasser, das in Syrien gechlort wird. Entsprechend werden die bei den getesteten Gegenständen nachgewiesenen Chlorkohlenwasserstoffe im OPCW-Bericht mit Hinweisen wie „Tenside für Textilien“, „chlorierte Holzverbindung“ oder „Flammenschutz“ versehen.

Alles, was da steht, ist vermutlich richtig, und trotzdem nur die halbe Wahrheit. Denn neben den explizit mit Fußnoten wie ‚Tenside für Textilien‘, ‚chlorierte Holzverbindungen‘ oder ‚Flammschutz‘ versehenen Funden gibt es auch noch eine ganze Reihe von Funden, bei denen es keine derartigen Fußnoten gibt.

Einige Fakten, die stutzig machen sollten

Es gibt aber noch weitere Indizien, die stutzig machen sollten. Sucht man im Internet zum Beispiel nach einem der dort ohne Fußnote aufgefundenen Stoffe, nämlich Chloral Hydrat, der gemäß Anhang 3 in drei unterschiedlichen Proben in der Nähe der Zylinder gefunden wurde, stößt man bei Wikipedia und im Pharmawiki auf die Information, dass es sich dabei um einen Stoff handele, der, wenn überhaupt, vor allem als Arzneimittel eingesetzt werde. Wegen seiner starken Nebenwirkungen sei er aber heute kaum mehr gebräuchlich. Nach einem ganz Stoff, der ganz natürlich in der Natur vorkommen, zum Reinigen von Trinkwasser verwendet wird oder zum Färben von Kleidern klingt das nicht gerade. Hergestellt wird dieser Stoff aus Chlor und Ethanol, wobei das Chlor dabei laut Schweizer eLexikon als Chlorgas vorliegt. Sucht man weiter zu Chlor und Ethanol, so stößt man auch noch auf 2-Chlorethanol, einer hochgiftigen Substanz, die vor allem zum Abtöten von Viren, Bakterien und Pilzen eingesetzt wird und in Deutschland seit 1981 verboten ist.

Auch bei dem in zahlreichen Ausprägungen gefundenen Chlorophenol weiß Wikipedia zu berichten, dass dieses hauptsächlich für Pestizide, Herbizide oder Desinfektionsmittel Verwendung findet. Das klingt nicht gerade nach einem Stoff, den man im Beton seines Hauses oder im Holz seiner Küchentür zu finden wünscht. Und schon gar nicht auf dem Kopfkissen in seinem Bett, wo es die OPCW in Form von Tetrachlorophenol auch nachgewiesen hat.

Zugegeben: Ich bin kein Chemiker und traue mir deshalb keine abschließende Bewertung der im Zwischenbericht aufgelisteten Stoffe zu. Wie schnell aber andere Beobachter die in den Proben gefundenen Substanzen klein reden, verwundert mich dann doch.

Ein Vergleich mit anderen OPCW-Untersuchungen

Was in all den aufgezählten Artikeln ebenfalls fehlt, ist der Hinweis darauf, dass die OPCW ja nicht zum ersten Mal mutmaßliche Chemiewaffeneinsätze in Syrien untersucht. Erst vor gut einem Monat veröffentlichte sie den Abschlussbericht zu der Untersuchung zweier Vorfälle in Ltamenah am 24. und 25.März 2017. In diesem Bericht kommt die OPCW bezüglich des Ereignisses am 25. März auf Seite 2 zu dem Schluss:

1.9

The alleged incident of 25 March was widely reported in the media as targeting an
area where an operating field hospital was located and in which one “barrel” cylinder
fell inside the main entrance hall of the hospital and a doctor lost his life.

1.10

The FFM determined that chlorine was released from cylinders through mechanical
impact. The FFM concluded that chlorine was very likely used as a chemical weapon
at Ltamenah Hospital and the surrounding area on 25 March 2017.

Dieser Vorfall ist also mittlerweile von der OPCW als „sehr wahrscheinlich“ [very likely] bestätigt und weist einige Ähnlichkeiten mit dem mutmaßlichen Vorfall in Douma auf. Er war bei uns vermutlich nur deshalb nicht groß in den Medien, weil es außer einem Arzt keine weiteren Todesopfer gab.

Bei beiden Vorfällen soll ein Zylinder mit Chlorgas aus der Luft abgeworfen worden sein. In beiden Fällen hat die OPCW Proben vom mutmaßlichen Angriffsort ausgewertet und ihre Befunde dokumentiert (in dem Abschlussbericht zu Ltamenah auf den Seiten 23-25 und im Zwischenbericht zu Douma auf den Seiten 15-18). In Ltamenah wurden ihr die Proben von einer NGO überreicht, in Douma konnten Mitarbeiter der OPCW einige Tage nach dem Vorfall die Proben selbst nehmen. Die nachfolgende Tabelle zeigt eine Gegenüberstellung der in den beiden Berichten in den jeweiligen Proben gefundenen Stoffe:

Ltamenah Douma
1,3,5-Trinitrobenzene
1,4-Dichlorobenzene
Chloroisocyanatobenzene
2,2,2-Trichloroethanol
Phenol
2-Chlorophenol Chlorophenol
2,5-Dichlorophenol Dichlorophenol
2,4,6-Trichlorophenol (2,4,6-)Trichlorophenol
2,3,4,6-Tetrachlorophenol Tetrachlorophenol
Pentachlorophenol
2,4-Dinitrotoluene
2-Amino-4,6-dinitrotoluene
4-Amino-2,6-dinitrotoluene
2,4,6-Trinitrotoluene (TNT) (2,4,6-)Trinitrotoluene
alpha-Pinene
Chloride
Benzyl chloride
Bornyl chloride
Chloral hydrate Chloral hydrate
Chloroiodomethane
Dichloroacetic acid Dichloroacetic acid
Trichloroacetic acid Trichloroacetic acid
Diisopropyl methylphosphonate (DIMP)
Malathion
Methyl 9,10- dichlorooctadecanoate
Methylphosphonic acid
Picric acid
Triethanolamine Triethanolamine
Tris(2- chloroethyl)phosphate

Es fällt doch auf, dass in den Proben beider Vorfälle eine ganze Reihe gleicher Substanzen vorhanden sind. Insbesondere die beiden oben erwähnten hochgiftigen Substanzen wurden an beiden Orten gefunden.

Aber nicht nur der Vergleich mit einem OPCW-Bericht, bei dem das Ergebnis ist, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Angriff mit Chlorgas gegeben hat, lohnt. Aufschlußreich ist auch der Vergleich mit einem Bericht, bei dem die OPCW zu dem Ergebnis kam, dass sich für die Anschuldigungen keine hinreichenden Belege finden lassen. Auch für so einen Fall veröffentlichte die OPCW kürzlich ein Beispiel, nämlich am 2. Juli 2018 ihren Abschlussbericht bezüglich zweier Vorfälle am 30. Oktober 2016 in Al-Hamadaniyah und am 13. November 2016 in Karm al-Tarrab, beides Orte in oder nahe bei Aleppo. Insbesondere bei dem Vorfall in Al-Hamadaniyah stand auch der Verdacht im Raum, dass Clorgas zum Einsatz kam.

In dem Bericht sind die Ergebnisse der Proben in den Anhängen 7 und 8 auf den Seiten 49 und 50 veröffentlicht. Bei fast allen Proben heißt es nur lapidar ‚No findings‘. In einer Probe wurden Spuren von Sulfur, in einer anderen etwas Öl entdeckt und an einem Kleidungsstück N,N-Dimethylamino ethanol . Von den vielen in der Tabelle oben aufgelisteten Stoffen, die alle angeblich auch aus ganz anderen Quellen wie der Reinigung von Trinkwasser oder dem Färben von Kleidern stammen könnten, findet sich kein einziger in den Proben.

Fazit

Sicher, das alles sind laut OPCW noch keine Beweise, dass die syrische Regierung im Frühjahr dieses Jahres in Douma tatsächlich Giftgas eingesetzt hat. Im Zwischenbericht heißt es deshalb:

Work by the team to establish the significance of these results is ongoing.

Auch wenn die Untersuchungen der Proben den Verdacht erhärten sollten, kann immer noch der Fall vorliegen, dass jemand anders die Substanzen an den Ort gebracht hat, um der syrischen Regierung die Verantwortung für den Vorfall unter zu schieben. Deshalb will die OPCW auch eine genaue Untersuchung dazu durchführen lassen, wie die beiden Zylinder, aus denen das Chlorgas ausgetreten sein soll, an ihren Ort gekommen sein sollen.

Am Ende der Untersuchung sollte sich allerdings niemand wundern, wenn diese zu einem ähnlichen Ergebnis kommt wie in Ltamenah. Dort hält es die OPCW, wie oben bereits zitiert, für sehr wahrscheinlich, dass es einen Angriff mit Chlorgas auf ein Krankenhaus gegeben hat. Sicher muss für ein endgültiges Urteil zunächst das Ende der Untersuchung und die Veröffentlichung des Abschlussberichts abgewartet werden, Aber so entlastend, wie es jetzt viele sog. alternative Medien darstellen, ist der Zwischenbericht der OPCW für die syrische Regierung nicht.

Bildquellen

  • OPCW_Zwischenbericht_Douma: OPCW

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ein Gedanke zu “Was der OPCW-Zwischenbericht über Douma (nicht) sagt