Norbert Häring: Wessen Interessen vertritt die EZB?


Leider gibt es ein paar ärgerliche Fehler in der deutschen Simultanübersetzung (das soll keine Kritik an den Übersetzern im Europäischen Parlament sein, die als Simultanübersetzer großartiges leisten, ab und an in der Hektik dann aber doch danebenliegen und zum Teil Dinge „übersetzen“, die den Sinn einer Aussage geradezu in ihr Gegenteil verkehren).

  • Mehrmals spricht die Übersetzerin von ‚Commerzbanken‘. Das hat nichts mit der Commerzbank zu tun. Gemeint sind Geschäftsbanken (im englischen Original spricht Norbert Häring von „commercial banks“) in Abgrenzung zu Zentralbanken
  • Die zentrale These von Härings Vortrag lautet (im Video zu hören ab ca. 4:20), dass die EZB als ein Teil der Bankenwelt („banking community“) begriffen werden sollte, als die sie immer dann die Interessen der Banken vertritt, wenn diese mit den Interessen großer Teile der Bevölkerung kollidieren („which will always side the commercial bank, when ever the interests of banks and the interests of the population at large do not coincide“). In der Übersetzung wird daraus leider, man solle die EZB „als Teil des Bankenwesens“ begreifen, in der die EZB immer „mit Commerz und Banken zu tun habe, wann immer die Interessen der Banken und Bevölkerung nicht kongruent sind“, was eine ziemlich banale Aussage ist.
  • Ab Minute 10:20 heißt es in der Übersetzung falsch, dass sich gemäß Jens Weidmann alle Zentralbanken einig seien, dass „Kapitalmärkte in der Kontrolle der Finanzaufsichtspolitiken der Regierungen sein müssen“. Tatsächlich hat Norbert Häring das genaue Gegenteil gesagt, nämlich dass alle Zentralbänker gemäß der Worte von Jens Weidmann darin übereinstimmen würden, dass Finanzmärkte die Aufgabe haben sollten, die Haushaltspolitik von Regierungen zu überwachen („that capital markets have to be in charge of supervising governments fiscal policy“). Diese These macht sich Norbert Häring natürlich nicht zu eigen, sondern kritisiert sie in seinem ganzen Vortrag scharf, weshalb es auch danach falsch übersetzt ist, wenn es heißt „darin wären wir uns völlig einig mit Wolfgang Breuer, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank“, sondern richtig heißen müsste „darin sind sie [gemeint sind die Zentralbanker] sich völlig einig.“

Wer des Englischen einigermaßen mächtig ist, dem empfehle ich, den Vortrag auch im englischen Original zu hören.

Vortrag von Norbert Häring bei der GUE/NGL Anhörung „Die EZB – Europas nicht gewählte Regierung“

Norbert Häring fragt in seinem Vortrag, welchen Interessen die EZB dient. Nach einem kurzen Ausflug in die Geschichte von Zentralbanken führt er eine ganze Reihe von Zitaten, institutionellen Verflechtungen und Taten als Beleg für die zentrale These seines Vortrags an:

Viel von dem, was die EZB tut oder ablehnt zu tun, könnte sehr viel besser verstanden werden, wenn man die EZB als einen integralen Bestandteil der Banken-Community betrachtet, als eine Institution, die immer dann an der Seite der Banken steht, wenn die Interessen der Banken und großer Teile der Bevölkerung nicht übereinstimmen.

Dabei geht er auch auf Alternativen zur gegenwärtigen Geldpolitik der EZB ein und beendet seinen Vortrag mit einer Reihe eindrucksvoller Zitate eines ehemaligen Zentralbankers und der Profiteure der gegenwärtigen Geldpolitik, den Super-Reichen.

Links

  • Blog von Norbert Häring
  • zur Kapitalerhöhung bei der italienischen Notenbank: Neue Zürcher Zeitung vom 27.12.2013: Italienische Notenbank: Lösung eines ‚eklatanten‘ Interessenkonflikts
  • zu Jens Weidmann und der disziplinierenden Wirkung von Kapitalmärkten auf die Haushaltspolitik vgl. z.B. seine Rede „Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung von Kapitalmärkten“ beim Jahresempfang des Deutschen Aktieninstituts e.v. am 22.5.2014 in Frankfurt, in der er u.a. ausführt: „Kapitalmärkte haben eine wichtige Disziplinierungsfunktion, insbesondere im Hinblick auf die Fiskalpolitik. Im Vorfeld der Krise im Euro-Raum sind sie dieser Rolle nicht immer gerecht geworden. Der institutionelle Rahmen der Währungsunion sollte so gestaltet werden, dass die disziplinierende Rolle der Kapitalmärkte funktionieren kann.“
  • The Wall Street Journal vom 11.11.2013: Andrew Huszar: Confessions of a Quantitative Easer

Über Norbert Häring

  • Ökonom und Journalist
  • Initiator und Mitglied des EZB Schattenrats
  • Mitbegründer und Co-Direktor der World Economics Association
  • Preisträger des Keynes Preises für Wirtschaftspublizistik 2014 der Keynes Gesellschaft

Über die Anhörung

Die Anhörung „Die EZB – Europas nicht gewählte Regierung“ fand am 14.1.2016 auf Einladung der GUE/NGL-Fraktion im Europäischen Parlament in Brüssel statt.

Eine Übersicht aller bisher auf diesem Blog von dieser Anhörung veröffentlichten Vorträge finden sie hier. Es ist geplant, in den nächsten Wochen auch die noch fehlenden Vorträge hier zu veröffentlichen.

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Und für alle, die solange nicht warten wollen: Das komplette Programm inklusive einer ungeschnittenen Aufnahme des Livestreams mit allen Diskussionen und fünf weiteren Vorträgen ist unter http://www.guengl.eu/news/article/the-ecb-europes-unelected-government zu finden.

Vielen Dank an Fabio De Masi und die GUE/NGL-Fraktion für die Organisation der Anhörung und das freie zur Verfügung stellen des aufgezeichneten Materials.

 

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